Naturschutzverbände gegen Kleinwasserkraftwerke

Vor einigen Wochen informierte die Interessengemeinschaft Strom aus Wasserkraft (IG SaW) über die gemeinsame Pressemitteilung „Will der Naturschutz die Wasserkraft zerstören?“ von der Vereinigung Wasserkraftwerke in Bayern (VWB) e.V. und dem Landesverband Bayerischer Wasserkraftwerke (LVBW) eG.

Darin wird ausführlich Stellungnahme zu dem veröffentlichten Positionspapier Acht Mythen zur Kleinwasserkraft, der Verbände WWF, BUND Naturschutz in Bayern, Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV), Landesfischereiverband sowie der Bayerische Kanu-Verband bezogen:

[…] „Es ist uns unverständlich, weshalb wir dermaßen in das Visier der Umwelt- und Wassersportverbände geraten sind“, sagt Fritz Schweiger, Vorsitzender der Vereinigung Wasserkraftwerke in Bayern (VWB) e.V. „Es wird der Eindruck vermittelt, dass neue Wasserkraftanlagen wie Pilze aus dem Boden schießen. Dabei gab es so gut wie keine Neubauten in den vergangenen Jahrzehnten. Und wir haben auch nicht vor, neue Anlagen in unberührten Gewässern zu bauen.“ Vielmehr haben die Anlagenbetreiber in der Vergangenheit dafür gesorgt, dass sowohl die Durchgängigkeit für Fische als auch die Umgebungsbedingungen verbessert wurden und sie arbeiten weiter daran.

Wenn die Umwelt- und Wassersportverbände zudem die mangelhafte Durchgängigkeit an bestehenden Querbauwerken beklagten, so solle bedacht werden, dass rund 90 Prozent davon im staatlichen Eigentum sind und es dort keine Wasserkraftanlagen gibt. „Davon weichen wir allerdings nicht ab: Es ist sinnvoll, bereits bestehende Querbauwerke, die zum Beispiel zur Sohlstabilisierung und für den Hochwasserschutz errichtet wurden, noch zusätzlich für die erneuerbare und ökologisch verträgliche Stromerzeugung zu nutzen“, betont Schweiger. Immerhin reduziert jede Kilowattstunde, die mit produziert wurde, klimaschädliche Emissionen. „In dem Zusammenhang möchten wir an das Pariser Klimaschutzabkommen und die darin vereinbarte CO2-Reduktion erinnern.“ […]

Die an der Wiesent gelegene ehemalige Nankendorfer Mühle produziert seit 2004 regenerativen Strom durch Einspeisung in das vorhandene Stromnetz. Die Drehungen des mit 5,20 Meter Durchmesser großen Wasserrads gelangen über eine Welle zum Getriebe, dass die mechanische in elektrische Energie umwandelt. Die erzeugte elektrische Leistung beträgt heute im Durchschnitt 4 bis 5 kW. Dieses Kleinwasserkraftwerk leistet damit seinen wichtigen Beitrag zu den erneuerbaren Energien.

Titel-Abb.: Die alte Holzbrücke an der ehemaligen Nankendorfer der Familie Sebald – März 2020

Die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS) veröffentlichte ebenfalls eine Analyse von Götz Warnke zur Pressemitteilung:

[…] Die Vorwürfe der Verbände an die Wasserkraft: Die Kleinwasserkraft würde weder einen wesentlichen Beitrag zur Energiewende noch zum Klimaschutz leisten; sie stelle für die Fische eine Barriere dar und trage zum Rückgang der Fischbestände bei; sie sei weder für den Hochwasserschutz noch für die Grundwasserstand-Stabilisierung notwendig; von ihr würden nur wenige Arten profitieren, und was durch ihre Rechen an Müll aus den Flüssen gefischt werde, sei nur Makroplastik.

Die Forderung der Verbände: Rückbau von Querbauwerken und eine naturverträgliche Energiewende ohne Ausbau der Wasserkraft. Die Betroffenheit der bayerischen Wasserkraftwerker, die z.T. ihre Anlagen an Jahrhunderte alten Standorten betrieben, ist in der Pressemitteilung angesichts des „Generalangriffs“ der Naturschutzverbände deutlich spürbar. […]

Reinhard Moosdorf von der Interessengemeinschaft Strom aus Wasserkraft (IG SaW) nahm ebenfalls Stellungnahme zu dem Positionspapier mit dem Titel „Acht Mythen ohne Mythos?“:

Diverse bayerische „Umwelt-Verbände“ haben ein Statement gegen die Kleine verfasst, das sie mit „Acht Mythen zur Kleinwasserkraft“ titelten. Mit dem „Mythos“, den sie jagen, sind hier angebliche Falschbehauptungen gemeint. Wir stellen die Jäger zunächst vor:

Landesfischereiverband Bayern, Bayerischer Kanuverband e.V., LBV, BUND Naturschutz in und WWF

Der Landesfischereiverband Bayern: Das Freizeitvergnügen des Fischfangs, das auch den urzeitlichen menschlichen Jagdtrieb befriedigt, sei allen Anglern gegönnt. Es ist auch festzuhalten, dass nur ein relativ kleiner Teil der vom Menschen verursachten Fischtötungen in Deutschland (rund 2%) auf das Sportangeln zurückgeht. Doch nur halb so viel (ca. 1%) sterben durch und Kühleinläufe der Industrie zusammen1. Die meisten Fische sterben, weil wir die Gewässer chemisch verseucht haben und auch die Porenverdichtung auf dem Grund der Fließgewässer ihre Vermehrung hindert. Wenn der Landesfischereiverband mit einem Finger auf die zeigt und „Fischmörder“ ruft, sollte er sich trotzdem klar darüber sein, dass – rein statistisch gesehen – immer noch mindestens zwei Finger auf ihn selbst zurückweisen. Sinnvoller wäre, gemeinsam gegen die restlichen 97% menschlich verursachten Fischsterbens vorzugehen.

Der Bayerische Kanuverband ist ein reiner Freizeitzweckverband. Ihn interessieren Flüsse als Kulisse der Fortbewegung. Kanuten nehmen bei ihrem Hobby in Kauf, dass sie über die Kiesbänke schrammen, die Ufer rammen, Nester und Rückzugsräume von Vögeln und Fischen stören und zerstören und ihre Fäkalien ungeklärt in die Habitate entsorgen. Da einige sich dabei sogar noch filmen und das in die Medien posten, kann man sich ein gutes Bild dieser Umtriebe machen. Wir bekennen: Wir fahren auch gern Kanu. Mit Umweltschutz hat das aber nichts zu tun.

Der LBV hingegen sieht die Umwelt nicht nur als Hintergrund von Hobbys, sondern kümmert sich wirklich. Warum er sich aber in Felder völlig abseits seiner Fachkompetenz einmischt, erscheint zunächst fraglich. Das Ganze wird etwas erhellt, wenn man sieht, dass bei diesem Verband die Prioritätenliste ziemlich durcheinander gerutscht ist. Derzeit profiliert sich der LBV ja vor Allem als Wahrer der Vogelinteressen gegen die Windkraft. Umso mehr verwundert es, wenn sich der LBV nun gegen die und für mehr Windkraft ausspricht, obwohl bekannt ist, dass z.B. besonders Eisvögel gerne an Wasserkraftanlagen ihre Heimat finden.

Mit den weiteren unterzeichnenden Umweltverbänden BUND in und WWF teilen die bisher Genannten eine gewisse Ignoranz gegenüber der wichtigsten Herausforderung unserer Zivilisation: Wir müssen der Klimaerwärmung gegensteuern und dabei jede Kilowattstunde alternativer Energieerzeugung ausbauen und nutzen. Freilich müssen wir auch Energie einsparen – aber wie schwer das selbst Klimaaktivisten fällt, wissen wir aus Hunderten hämischer Kommentare über deren Reisen.

Unsere Verantwortlichen wollen voll guter Absicht ja auch diese Energiewende herbeiführen, haben aber nur ansatzweise einen Plan, wie die Ausfälle von Kernkraft und Kohle kompensiert werden sollen. Dabei ist noch nicht einmal die Elektrifizierung des Verkehrs mit eingerechnet. Letztlich wird es – darin sind sich wirklich alle Experten einig – auf einen Stromimport hinauslaufen müssen. Es ist scheinheilig zu sagen, dass wir die bewährte heimische nicht brauchen, wohlwissend dass wir mit dem Rückbau jeder Wasserkraftanlage die verlorenen Kilowattstunden mit importierten Kohle- und Atomstrom aus dem Ausland ersetzen müssen.

Soweit zu den Autoren des Statements. Doch vielleicht haben die genannten Verbände ja trotzdem inhaltlich Recht?

Gehen wir die in dem Statement angeführten Punkte deshalb einzeln durch.

1. Es wird bestritten, dass die Kleine einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leistet.

Zitat: „Nach Ansicht des Umweltbundesamtes ist das Wasserkraftpotential in Deutschland heute weitestgehend ausgeschöpft“ Dieser Satz ist verlinkt.

Es ist richtig, dass das Bundesumweltamt dort diese Ansicht vertritt. Es bezieht sich dabei aber auf von ihm selbst in Auftrag gegebene Studien. Liest man diese Studien aber mal wirklich, steht dort das glatte Gegenteil2:

Für die kleinen und mittleren Flüsse wird mit einem „technische(n) Zubaupotential von 1,4 bis 2,7 TWh (mittlere Annahme 2,1 TWh)“ gerechnet. Das entspricht dem Haushaltsstromverbrauch der Oberpfalz und Oberfrankens zusammen!

Allerdings – und hier beißt sich die Katz‘ in den Schwanz – wegen der zu erwartenden Restriktionen, also den von den Interessenverbänden geforderten Durchgängigkeiten etc., verringert sich das Potential dort wieder:

„Es verbleibt ein technisches Zubaupotential an mittelgroßen und kleinen Gewässern von etwa 0,63 bis 1,22 TWh.“

Das ist immerhin fast noch einmal genauso viel wie das Ausbaupotential der großen Wasserkraft, das die Studie ebenfalls errechnet hat. Es wäre sogar noch viel mehr, wenn man von den oft unsinnigen Auflagen absieht.

Die nicht unerhebliche Menge des Eigenverbrauchs vieler Handwerker und Kleinbetriebe, die wertvolle regionale Wertschöpfungsketten aufrecht erhalten und auf die angewiesen sind, bleibt bei allen Studien bislang vor.

Halten wir also zu diesem Punkt fest:

– Das Umweltbundesamt gibt Studien in Auftrag, deren Ergebnis es ignoriert, weil es sich nicht mit den o.g. Interessenverbänden anlegen will.

Um die Kleine in ihrer Bedeutung recht klein zu reden, wird bei der Bemessung ihres Anteils am Erzeugermix die bisherige Energieerzeugung durch Verbrennung von Kohle und Öl sowie die Kernspaltung mit eingerechnet. Da diese derzeit noch ca. die Hälfte der bayerischen Stromerzeugung ausmachen, sinkt der prozentuale Anteil der Kleinen rechnerisch so ebenfalls auf die Hälfte. Wenn man an einer wirklichen Energiewende gar nicht interessiert ist, sollte man genauso vorgehen. Tatsächlich ist es aber so, dass nach Abschaltung der Kohle und Atomkraftwerke die mehr als 50 % des ZUVERLÄSSIGEN Stroms in liefern wird. Die Kleine immerhin davon 10 %. Die Kleine ist damit systemrelevant.

Wir benötigen (ohne Verkehr) schon jetzt doppelt so viel Erneuerbare Stromerzeugung wie wir derzeit haben. Wenn wir auf einen Speichermix setzen, brauchen wir mindestens noch einmal so viel. Und da bleiben die Autoren des Statements bislang jede Antwort schuldig, woher diese Energie kommen soll. Die einzigen Großspeicher, die es zuverlässig seit Jahrzehnten gibt, sind Wasserkraftspeicher. Wenn mehr Speicher mehr Pumpspeicher aus bedeutet, dann stimmen wir hier zu.

Das propagierte Demand-Side-Management (ein Versuch, energieintensive Betriebe so zu steuern, dass sie ihren Energieverbrauch nach Wind- und Sonnen-Energie-Dargebot einrichten), ist sicher eine weiterer kleiner Schritt zur Energiewende. Es begründet aber keinen Verzicht auf die Kleine Wasserkraft. Es ersetzt im Übrigen auch kein intelligentes Netz-Management, bei dem die Kraft der vielen Kleinen als netzstabilisierende dezentrale Einheiten genutzt wird.

Die „Umweltverbände“ propagieren in ihrem Statement übrigens auch den weiteren Netzausbau, während sie anderswo gegen „Monstertrassen“ polemisieren. Den Autoren scheint ein jeweiliges Entweder-Oder vorzuschweben. Um die Energiewende zustande zu bringen, benötigen wir aber (um mit dem Traunsteiner Altlandrat Steinmaßl zu sprechen) ein UND…UND…UND!

DAS ist ansonsten der Verrat an der Energiewende, den die unterzeichnenden Verbände mitverantworten.

2. Bestritten wird, dass die Kleine einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leistet

Angesichts der riesigen Sumpfflächen, die sich derzeit wegen der Klimaerwärmung in Sibirien bilden, ist es lediglich ein sympathisches Luxusproblem, wenn wir vor Münchens Haustür auch noch ein kleines Moor zum Liebhaben auftun möchten.

Erstere bilden sich unter Anderem, weil „Umweltverbände“ den Ausbau erneuerbarer Energien blockieren, und wir deshalb immer noch Kohle verbrennen, statt endlich alle verfügbaren Ressourcen an erneuerbaren Energien zu nutzen.

Moore sind sicher gut. Eine Bereicherung für die Begrenzung der Erderwärmung sind neue Moore aber derzeit nicht. Im Unterschied zur Wasserkraft.

3. Hier wird unterstellt, dass wir behaupten, dass Kleinwasserkraftanlagen für Fische keine Barrieren darstellen – um dann das Gegenteil zu belegen.

Es ist ein beliebter und ebenso fauler Kniff, dem Gegner Behauptungen zu unterstellen, die so nicht stimmen, um dann gegen diese selbst geschaffenen Scheinargumente anzugehen. Die Wahrheit ist differenzierter. Manche Wehre stellen Barrieren für manche Fischarten und Wasserlebewesen dar, andere nicht. Und bei manchen Wehren ist es gut, dass sie solche Barrieren darstellen. Sie bilden Habitatsgrenzen, die schwächere vor stärkeren Arten schützen. Aquatische Biologie kann man nicht ausschließlich aus der Perspektive jener Fische bewerten, die ein Angler gern am Haken hat. So schlagen inzwischen sogar Vertreter der Fischereifachbehörden vor, bestimmte Wehre sogar noch undurchdringlicher zu machen, um die Mühlenhabitate an den Oberläufen vor invasiven Arten zu schützen3. Auf diese Zusammenhänge allopatrischer Evolution weisen wir seit Jahren hin!

Derzeit gibt es laut WWF 57.000 Querbauwerke in Bayern, von denen nur 11%, also 6.270 durchgängig wären4.

Nur 7%, also 3.990 davon gehören zu Wasserkraftanlagen. Von denen wiederum sind 60% „durchgängig“ gestaltet5

Das heißt, dass von den 6.270 durchgängigen Querbauwerken über 2.390 auf die entfallen.

Statt nun, wenn man schon die WWF-Logik anlegt, anzufragen, ob man die über 49.100 größtenteils staatlichen Querbauwerke evtl. durchgängiger machen sollte, schießt der WWF (und mit ihm BUND, LBV, Kanu- und Anglerverbände) auf die Kleine Wasserkraft.

Wasserkraftwehre werden im Übrigen regelmäßig gespült. Es ist im Interesse auch des Wasserkraftbetreibers, dass seine Anlage nicht verschlammt, weil so auch der Wirkungsgrad verringert wird. Der Geschiebetransport ist also bei den knapp 4.000 Wasserkraftwehren in gewährleistet. Es ist sogar so, dass anderswo die Fischereiverbände klagen, weil eine Anlage regelmäßig gespült und das Geschiebe durchgelassen wird.

4. Bestritten wird, dass die Kleine unschuldig am Rückgang der Fischbestände sei.

Um mal die Beweislast klarzustellen: Es wäre an den Autoren, zu beweisen, dass Artenrückgang und Rückgang der Populationsdichte auf die Kleine zurückzuführen sei. Es wäre wohl besser, wenn die Hegeziele der Angelsportverbände endlich mit den Zielen der WRRL abgestimmt würden. Die Bewirtschaftung der Gewässer durch den Angelsport hat Einfluss auf die fischfaunistischen Zustand der Gewässer. Das wird bislang negiert. Tatsächlich werden Arten eingesetzt, welche die Sportangler gerne angeln und nicht Arten unterstützt, die den Zielen der WRRL gerecht werden. Der beliebte Besatz von Raubfischen kann der Zielerreichung nach WRRL sogar schaden.

Das Unglaubliche daran: Werden die WRRL-Ziele für Fische verfehlt, müssen Wasserkraftwerks-Betreiber teure Maßnahmen ergreifen, um die Gewässer in einen besseren Zustand zu versetzen.

Die Autoren irren auch in vielen Einzelpunkten: Anfang des 20. Jahrhunderts hatten schon eine nennenswerte Anzahl von Wasserkraftbetreibern Turbinen. Die Francis-Turbine war Anfang des 20. Jahrhunderts bereits über 50 Jahre bekannt und im Einsatz. Sie wird auch nicht erst ab 20 m Fallhöhe eingesetzt, sondern schon ab 1 m Fallhöhe.

– Der große Arten-Einbruch dagegen geschah erst seit dem 1. Viertel des 20. Jahrhunderts. Schuld daran war wohl ein Cocktail aus Gewässerbegradigung, chemischem und biologischem Schadstoffeintrag und gezieltem Abfischen. Ebenso sind in jüngster Zeit die Reiher und Kormorane für eine hohe Reduzierung der Fischbestände verantwortlich. Hierüber besteht Streit auch unter den Protagonisten, der, wenn es gegen die geht, gerne verschwiegen wird.

Seit dem letzten Drittel des 20. Jh. kamen neue Gefahren für die einheimischen Arten dazu: Klimaerwärmung und Neozoa, also in Folge der internationalen Schifffahrt eingewanderte oder hier ausgesetzte Arten. Die Querbauwerke und die natürlichen Schwellen bieten den einzigen, wenngleich unvollkommenen Schutz gegen diese feindliche Übernahme der heimischen Habitate. Sie hindern nicht die Artenvielfalt, sondern sind deren Voraussetzung.

Die von den Autoren zitierte Quelle der TU München sollte auch ausführlicher studiert werden. So ist die „Abwanderung über die Turbine trotz Feinrechen“ unter anderem damit zu erklären, dass zu Versuchszwecken Fische HINTER dem Rechen, also direkt vor der Turbine, eingesetzt worden waren.

Auch weist die gesamte Studie einen – für ein wissenschaftliches Forschungsprojekt – schweren methodischen Mangel auf: Es war – bis auf einen einzigen Standort – keine kontrollierte Studie. Um dieses wichtige wissenschaftliche Kriterium zu erfüllen, hätten dieselben Versuche auch an mehreren freien Flussabschnitten mit verschiedenen Bedingungen durchgeführt werden müssen. Nur in Baierbrunn hat man eine Kontrollgruppe von Fischen untersucht, die durch eine parallel laufende Rauhe Rampe abgestiegen sind. Diese hatte zu aller Überraschung eine deutlich höhere Mortalität. Dort überlebten 55,4 % nicht! Bei den Turbinen waren es in Baierbrunn 30,7%. Auch wenn man Vorschädigungen der Fische berücksichtigt, sind diese Zahlen auch bei den wohl propagierten Rampen erheblich und deshalb im Vergleich zur kein Allheilmittel! Rauhe Rampen – das sind die Bauwerke, wie sie derzeit unter anderem vom WWA Hof in Hirschberg und vom WWA Nürnberg in Ranna angestrebt werden, um alte Wasserkraftstandorte abzulösen und die Wehre dort zu schleifen.

Es gab in Baierbrunn auch noch eine dritte Vergleichsgruppe an Fischen, die durch den Fischpass abstiegen. Doch auch von denen überlebten 26,6% nicht. Und das ganz ohne Angler und Turbinen6.

Das Ergebnis wurde zwar publiziert, taucht aber weder in der Zusammenfassung noch in der Auswertung durch das auf. Man hätte ja dann mehr fordern müssen.

5. Bestritten wird, dass die Kleine vor schützt

Richtig ist: Effizienter Hochwasserschutz muss in der Fläche ansetzen.

Richtig wäre auch: Die unter dem Stichwort „Hochwasserfreilegung“ getätigten Maßnahmen der Vergangenheit dienten einzig zum Schutz der unmittelbaren Anlieger im Oberlauf und verlagerten die Probleme flussabwärts. Indem Hochwasserwellen immer schneller durchlaufen konnten, summierten sich im Unterlauf die Spitzen.

Natürlich hemmen viele kleine Wehre eine Hochwasserwelle, indem sie den Abfluss – wenn auch nur gering – verzögern. Die vielen Kleinen sind stellenweise sogar wirksamer als ein großer Damm wäre. Jedenfalls werden so entsprechend der Flusslänge in den Oberläufen Hochwasserscheitel zeitlich versetzt und abgeflacht und kommen nicht gleichzeitig in den Unterläufen an.

Wir sind uns mit den Autoren des Statements völlig einig, dass eine Ausweitung der tatsächlichen und potentiellen Wasserflächen hier ebenfalls wirksam wäre. Aber die Mühlenhabitate zu vernichten und die Querbauwerke zu schleifen führt doch zu einem ganz klar gegenteiligen Effekt.

6. Bestritten wird, dass Kleine den Grundwasserstand stabilisiert

Natürlich hätte eine Renaturierung der Flüsse mit mehr Platz in der Breite positive Auswirkungen auf die Grundwassersicherung und würde der Artenvielfalt gut tun. Was also tun? Dörfer vernichten? Häuser wegreißen? Landwirtschaftliche Nutzflächen enteignen? Nein. Das wollen WWF & Co nur, wo es „ohne die Gefährdung von Siedlungen und Verkehrswegen gefahrlos möglich ist“. Da bleibt dann allerdings nicht mehr viel Spielraum.

Eine logische Überlegung wäre, zumindest den derzeitigen „Platz in der Breite“ und damit die Mühlenhabitate zu erhalten, statt diese auch noch vernichten zu wollen.

Warum die Autoren des Statements zum gegenteiligen Schluss kommen, erscheint uns als logischer Widerspruch.

Zudem wird mit ihren Forderungen nach „Durchgängigkeit“ und „Mindestwassertiefe“ genau der Effekt erzielt, den sie zu bekämpfen vorgeben: Gleichmäßige Vertiefung der Gewässersohle.

Weiter schreiben die Autoren: „Inzwischen weiß man, dass die Eintiefung durch den Bau von Querbauwerken insgesamt verschärft wurde, weil sie das Grobmaterial (sog. „Geschiebe“) aufhalten, das den Flüssen flussabwärts fehlt.“

Bei der Kleinen unserer Breiten ist das durchweg falsch. Hier wird das Geschiebe regelmäßig durch Ziehen des Grundablasses weitertransportiert. Es lagert sich nur temporär hinter den Wehren ab.

Bei einer Grundwasserabsenkung durch Stauauflösung sind nicht nur – wie von den Autoren unterstellt – Auen betroffen, sondern auch Anliegerbauwerke. Wenn dort seit Jahrhunderten der Grundwasserspiegel auf einem Niveau gehalten wurde und dann abgesenkt wird, bekommen diese Risse und es treten Bauschäden auf.

Bei den meisten Mühlenhabitaten handelt es sich um einen gefestigten ökologischen Zustand, der sich seit deren Errichtung vor 300 bis 500 Jahren eingestellt hat. Dieser gefestigte ökologische Zustand war oft auch zumindest ein Mitgrund, um Naturschutzgebiete einzurichten.7 Jetzt mit Hinweis auf einen idealisierten gewollten Zustand diesen gefestigten ökologischen Zustand aufzugeben, ist gleich mehrfach falsch:

  • Die eingespielte Artenvielfalt wird gefährdet
  • Der angestrebte Zustand ist mit nicht einschätzbaren Risiken behaftet
  • Der Beitrag der zur Begrenzung der Klimaerwärmung wird ignoriert.

7. Bestritten wird, dass etliche Arten von der Kleinen profitieren würden

Das Hauptproblem der Autoren des Statements ist, dass ein „natürlicher Zustand“ nicht definiert ist. Die meisten derzeitigen Querbauwerke sind durch den Einfluss des Menschen auf die Landschaft entstanden. Sie lösten dabei oft ältere Querhindernisse, z.B. Felsabstürze, ab oder nutzten so vorhandene Gefällestufen. Bei dieser seit ca. 1500 geformten Landschaft mit den Mühlenhabitaten handelt es sich um einen gefestigten ökologischen Zustand, den es möglichst zu erhalten gilt. Sicher haben seither Bebauung, Verkehr und Landwirtschaft das Landschaftsbild weiter verändert, wobei insbesondere die so genannte Flurneuordnung seit den 1950er Jahren schwere ökologische Schäden generierte. Der Grundfehler bestand darin, Landschaft nach Maßstäben, die damals als zukunftsweisend galten, aktiv gestalten zu wollen.

Genau in diesen Fehler fallen die Autoren des Statements heute zurück, wenn sie sich anmaßen, zu wissen, was ein „natürlicher Zustand“ und wie dieser zu erreichen sei.

In ihrer so verursachten Blindheit zerstören sie gerade die Reste einer Ökologie, die mit dem menschlichen Einfluss symbiotisch erwachsen ist und erst durch die massiven Eingriffe im 20. Jahrhundert gelitten hat.

Wir stellen z.B. fest, dass einige seltene Arten, wie die Bachmuschel, bevorzugt noch in Mühlgräben zu Hause ist. Die Autoren des Statements schlagen daraufhin vor, diese Mühlgräben zu vernichten. Sie wollen statt dessen einen gartenartigen Flusslauf gestalten. Sie vertrauen darauf, dass die Bachmuschel sich dort auch wieder ansiedelt.

Wir finden diese Argumentation kurzsichtig.

Wir sagen dagegen: Derzeit ist die Bachmuschel auch in den als „unverändert“ geltenden Flüssen fast ausgestorben. In einigen Mühlgräben ist sie aber noch zu Hause. Es steht nicht fest, warum das so ist. Aber: In unseren Augen macht es Sinn, diese Mühlgräben daraufhin möglichst unverändert zu lassen.

Wir stellen fest, dass viele Zugvögel, die Stauflächen als Ruheplätze nutzen. Die Autoren des Statements schlagen daraufhin vor, diese Flächen zu vernichten. Sie vertrauen darauf, dass sich dann vielleicht andere Vögel dort ansiedeln.

Wir finden diese Argumentation sinnarm.

Wir sagen dagegen: Derzeit nutzen Zugvögel diese künstlichen Seen. In unseren Augen macht es Sinn, diese Gewässerflächen möglichst unverändert zu lassen.

Wir stellen fest, dass einige seltene Arten, wie der Schwarzstorch und der Eisvogel, sich bevorzugt in Aulandschaften aufhalten, welche sich durch jahrhundertealte Stauhaltungen wie am

Steinmühlenwehr an der Sächsischen Saale gebildet haben. Die Autoren des Statements schlagen daraufhin vor, diese Stauhaltungen abzusenken, weil ihrer Meinung nach der „Auwald im Dauerstau ertrinkt“. Sie wollen statt dessen den Stau absenken, woraufhin der Grundwasserspiegel sinkt und der Auwald auf ein Viertel seiner jetzigen Fläche schmilzt. Eine stärkere Schwankung wird dadurch übrigens auch nicht stattfinden. Es wird einfach nur weniger Auwald geben. Die Autoren des Statements vertrauen darauf, dass sich Schwarzstorch & Eisvogel im Viertel der jetzigen Fläche dann besser fühlen. Wir finden diese Argumentation armselig.

Wir sagen dagegen: Es gibt recht wenige Eisvögel und noch weniger Schwarzstörche. In einigen durch Wehre gebildeten Auwälder sind sie aber noch zu Hause. In unseren Augen macht es Sinn, diese Stauhaltungen in der jetzigen Höhe zu belassen.

8. Hier wird unterstellt, dass wir behaupten, dass die Kleine die Flüsse vom Wohlstandsmüll befreit – um dann das Gegenteil zu belegen.

Da wiederholt sich die faule Methode von Punkt 4. Wir sagen nämlich lediglich, dass die Wasserkraftanlagen einen großen Teil des Wohlstandsmülls wieder aus den Flüssen fischt. Es handelt sich dabei nicht – wie unterstellt wird – um Schätzungen, sondern um wissenschaftlich begleitete Erhebungen. Auch die von den Autoren des Statements angeführte Quelle belegt genau diese wissenschaftliche Vorgehensweise. Und diese kommt zu dem Schluss, dass im deutschen Anteil vom Donauraum bis zu 290 t Plastikmüll durch die Kraftwerke entsorgt werden. Die angeführten 17 – 39 t / Jahr sind dabei der Anteil der Kleinen Wasserkraftwerke im Einzugsbereich.

Das wiederum wird von den Autoren ja auch gar nicht bestritten.

Der Kleinen wird hier aber vorgeworfen, dass sie die Flüsse nicht auch noch von Mikroplastik befreit.

Zusammenfassung:

Es ist völlig unklar, woher die Aversion der o.g. Verbände ausgerechnet auf die Kleine rührt.

Wenn sich diese Verbände als Umweltverbände verstehen, sollten sie – und da beziehe ich ausdrücklich auch die Fischerei mit ein – mit den Wasserkraftbetreibern zusammen die Herausforderungen angehen.

Statt dessen wird hier eine Symbolpolitik betrieben, die nur den Verbrennern fossiler Rohstoffe und Atomenergie-Vertretern nützt.

Reinhard W. Moosdorf

Interessengemeinschaft Strom aus

Tüchersfeld, den 17.03.2021

1 Deutsche Aalbewirtschaftungspläne nach EU-Verordnung EG Nr 1100/2007 Umsetzungsbericht 2015
2 Potentialermittlung für den Ausbau der Wasserkraftnutzung in Deutschland (erneuerbare-energien.de) abgerufen am 13.03.2021
3 so Dr. Th. Vordermeier im Bezirks Journal Mittelfranken 12/2020 S. 6
4 Bayerns Flüsse: No-Go-Areas für Fische (wwf.de) abgerufen am 13.03.2021
5 180_PM VWB und LVBW zur WWF Studie, 21.08.20.pdf (wasserkraft-bayern.de) abgerufen am 13.03.2021
6 Fischökologisches Monitoring an innovativen Wasserkraftanlagen“ Bd. 08 S. 20) Ergebnisse – LfU Bayern , abgerufen am 18.12.2020
7 So beim Vogelschutzgebiet Ismaninger Speichersee, der mit der entstanden ist. Gleiches gilt für das bayerisch-oberösterreichische Umweltschutzgebiet Unterer Inn, das eine Serie Staustufen mit Wasserkraftanlagen umfasst und sich innerhalb eines guten halben Jahrhunderts zu einem Naturraum von weltweiter Geltung entwickelt hat.

Download PDF: 20210319 Acht Mythen ohne Mythos

Vielen Dank an Reinhard Moosdorf für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

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