Wasserwirtschaftsamt Hof will Wehre schleifen

Vor einigen Wochen berichtete der Nordbayerische Kurier darüber, dass das Wasserwirtschaftsamt Hof (WWA) Pläne zur Umgestaltung von bestehenden Wehren in der Fränkischen Schweiz hat. Bis jetzt ist das Wehr der Nankendorfer Mühle mit natürlicher Fischtreppe nicht betroffen, was auch nach Familie Sebald weiterhin so bleiben soll. Vielen Dank an Peter Engelbrecht und Reinhard Moosdorf für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

Titel-Abb.: Das Wehr der Nankendorfer Mühle der Familie Sebald – Februar 2020 – Johannes Sebald

Abb.: Das Wehr der Mühle Anfang des 20. Jahrhunderts. Es wurde bereits vor dem 19. Jahrhundert erbaut und besitzt von Beginn an eine natürliche Fischtreppe, welche jedoch vom Wasserwirtschaftsamt Hof nicht anerkannt wird. – Johannes Sebald

Auch kleine Staubretter sollen entfernt werden – Gesamte Fränkische Schweiz betroffen – Behörde pocht auf Durchgängigkeit

Pläne des Wasserwirtschaftsamtes Hof, zahlreiche Wehre und sogenannte Staubretter in der Fränkischen Schweiz zurück zubauen, sorgen bei Reinhard Moosdorf für Empörung. Dadurch würden technische Kulturmerkmale zerstört, warnt der Tüchersfelder. Das Wasserwirtschaftsamt hingegen spricht von ersten Plänen, die noch diskutiert werden müssten.

Die Vorhaben beruhen auf der neuen Europäischen Wasserrahmenrichtlinie, die im Zeitraum 2021 bis 2027 die Qualität der Oberflächengewässer verbessern soll. Das Wasserwirtschaftsamt Hof hat dazu Pläne erstellt, wie die Wasserqualität beispielsweise im Einzugsgebiet der Wiesent in der Fränkischen Schweiz verbessert werden kann. Konkret geht es um den Zeubach, den Ailsbach, die Püttlach, den Weihersbach und den Haselbrunnbach. Hier will die Behörde die Durchgängigkeit verbessern, indem Wehre, Abstürze und Durchlassbauwerke rückgebaut werden sollen.

Moosdorf, der in der Interessengemeinschaft Strom aus Wasserkraft aktiv ist, hat sich die Pläne genau angeschaut. Demnach soll auch die Bewässerungstradition und damit eine jahrhundertealte Kulturlandschaft der „Durchgängigkeits-Ideologie“ geopfert werden. So soll ein kleines Wehr nahe Neutüchersfeld, das man vor Jahrhunderten zur Bewässerung der angrenzenden Wiesen in der Püttlach errichtet hat, nun geschleift werden. „Auch wenn die Anlage lange nicht mehr im ursprünglichen Sinn funktioniert, hält sie die Wiese durch den höher liegenden Wasserspiegel noch feucht und gibt Tierarten wie dem Feuersalamander eine Überlebenschance“, sagt der 56-Jährige, Die traditionelle Wiesenwässerung in der Fränkischen Schweiz zählt seit April 2020 zum „Immateriellen Kulturerbe“ in Bayern. Der Ministerrat hat das entschieden. Diese Art der Wiesenwässerung ist seit dem Mittelalter belegt.

Ein kleiner Wasserfall: Reinhard Moosdorf bei einem früheren Wehr in der Püttlach flussaufwärts von Tüchersfeld, das einst der Wiesenbewässerung diente. Nach den Plänen des Wasserwirtschaftsamtes Hof soll das Wehr rückgebaut werden, um die Durchgängigkeit des Baches wiederherzustellen. Das Foto rechts zeigt eines von neun sogenannten Staubrettern im Zeubach in Waischenfeld, die ebenfalls entfernt werden sollen. Fotos: Peter Engelbrecht

Auch ein altes, großteils verfallenes Wehr rund einen Kilometer flussaufwärts von Tüchersfeld, das ebenfalls einst zur Wiesenbewässerung diente, soll abgerissen werden. Hier fällt die Püttlach wie ein kleiner Wasserfall mindestens einen Meter in die Tiefe und reichert sich mit Sauerstoff an.

Im Zeubach in Waischenfeld will das Wasserwirtschaftsamt die kleinen Staubretter, die im Bach quer zur Fließrichtung stehen und damit das Wasser in der Fläche halten und am schnellen Abfließen hintern, ebenfalls „rückbauen“. Insgesamt geht es um neun dieser Bretter auf kurzer Distanz. Die Querbauwerke schadeten der Ökologie nicht, denn Fische könnten diese durch Sprünge oder Wanderungen im feuchten Gras überwinden. „Mit dem Abriss der Wehranlagen macht man den gleichen katastrophalen Fehler wie seinerzeit bei der Flurbereinigung“, warnt Moosdorf.

Wolfgang Geißner, Geschäftsführer des Naturparks Fränkische Schweiz-Frankenjura, spricht von einer fehlenden Abstimmung der Behörden. Einerseits werde die Wiesenbewässerung im Unteren Wiesenttal wieder reaktiviert, andererseits soll es woanders einen Rückbau geben.

Das Wasserwirtschaftsamt sieht das anders. Für das Erreichen des guten Zustandes sei es wesentlich, die Durchgängigkeit der Gewässer wieder herzustellen. Das bedeute, dass sich Fische und andere Wasserlebewesen sowohl flussaufwärts als auch flussabwärts wieder ungehindert in ihren Lebensräumen bewegen können, erläutert Pressesprecherin Magdalena Wirth. Wehre, Abstürze und Durchlassbauwerke stellten oft unüberwindbare Barrieren dar. Um die Durchgängigkeit wieder herzustellen, könnten diese umgebaut oder rückgebaut werden. Auch Aufstiegsanlagen für Fische seien denkbar. Die entsprechenden Umsetzungskonzepte befänden sich noch in der Entwurfsphase. Öffentlichkeit und Träger öffentlicher Belange würden einbezogen. Auch Belange der Betroffenen würden berücksichtigt. Das angesprochene Wehr in der Püttlach sei verfallen. Da es keinen Zweck mehr erfülle und auch als Kulturdenkmal nicht mehr zu erkennen sei, wird ein Rückbau empfohlen.

Quelle: Nordbayerischer Kurier, Peter Engelbrecht, 23. Juni 2020

Am 7. Juli 2020 wurde ebenfalls im Nordbayerischen Kurier, ein Leserbrief von Wolfgang Eberl, Schnabelwaid zu diesem Thema veröffentlicht:

Himmelschreiender Unsinn

Ich bin immer wieder erstaunt, dass sich da einige Leute aus den Ämtern anmaßen, zu wissen, wie die Natur funktioniert, nur weil sie ein paar Semester in einem Studium abgesessen haben und anschließend kaum mehr aus ihren Büros heraus-kommen – höchstens um ihren Mitmenschen zu erklären, was diese zu tun und zu lassen haben.

Seit Jahrhunderten funktionieren die Wehre in unserer Region. Nicht nur in der Fränkischen Schweiz, sondern auch im Fichtelgebirge und anderswo. Sie dienten zur Wiesenbewässerung, als Schutz vor Hochwasser und als Element der Wasserkraft-Nutzung.

Jahrhundertelang hat sich niemand beklagt, diese Wehre würden die Fischwanderung behindern. Ganz im Gegenteil: Es gab viel mehr funktionierende Wehre und viel mehr Fische. Weil dadurch mehr Vielfalt am und im Gewässer möglich war. Jetzt aber kommen ein paar Neunmalschlaue und wollen uns belehren, dass wir alle das jahrhundertelang falsch gemacht haben, und nun ist „Durchgängigkeit“ das neue Schlagwort. In dem Teil der Fränkischen Schweiz, die zum Landkreis Bayreuth gehört, will man also nun die alten Bewässerungswehre schleifen. Gleichzeitig liest man aus dem Landkreis Forchheim: Die Gemeinde Unterleinleiter beteiligt sich weiterhin am Projekt „Erhalt der traditionellen Bewässerung Europas im Forchheimer Land“.

Aus Ranna bei Auerbach hört man gerüchteweise, dass dort ein funktionierendes Wasserkraftwerk demnächst wegen dieser „Durchgängigkeit“ abgerissen wird. Eine Turbine, die jährlich 30 Haushalte mit Strom versorgt, soll ein paar Funktionären geopfert werden, die meinen, die Wanderung von Fischen besser zu verstehen, als das die Menschen tun, die ihr ganzes Leben am Fluss verbracht haben. In Mittlernhammer macht man einem Wasserkraftbetreiber künstlich das Leben schwer (Kurier vom 18. Januar) . Bei all dem beruft man sich – wie immer, wenn man einen Sündenbock braucht – auf die EU. Da fragt man sich, warum dieser himmelschreiende Unsinn nur in deutschen Amtsstuben Anhänger findet.

Wolfgang Eberl, Schnabelwaid

Quelle: Nordbayerischer Kurier, Wolfgang Eberl, 7. Juli 2020

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